Interview Integration

 

„Mensch, das war damals eine tolle Reise nach Russland!"

 

 

Seit 2005 ist Wladimir Bondarenko (52, Dipl.-Ing. Maschinenbau, Vater dreier Kinder) bei Altona 93 und ein Ehrenamtler durch und durch geworden: er trainiert eine Jugendmannschaft, spielt selbst für die Seniorenmannschaft, organisiert Austausche mit anderen Vereinen im Ausland…

Im Jahr 2012 wurde er zum Integrationsbeauftragten des Hamburger Fußball-Traditionsclubs gewählt. Zum 60-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Sankt Petersburg wird Wladimir Bondarenko im August gemeinsam mit einem Jugendteam die russische Stadt im Rahmen eines Deutsch-Russischen Jugendaustauschs besuchen.

 

 

Sie wurden in Temirtau in Kasachstan geboren. Was hat Sie nach Hamburg geführt?

 

Es war keine einfache Entscheidung gewesen. Mit der Perestroika unter Gorbatschow und dem Zerfall der Sowjetunion gab es politisch und vor allem wirtschaftlich große Probleme und viel Unruhe im Land. In der Zeit haben sich dann viele Russlanddeutschen auf den Weg gemacht.

 

 

Was hat Ihnen die Entscheidung so schwer gemacht?

 

In der ersten Linie die Sprache. In der Schule habe ich Englisch gelernt, als ich kam, hatte ich kein Wort Deutsch gesprochen. Ich musste in Deutschland mit 30 wieder von null anfangen und mir mein Leben neu aufbauen - nicht wirklich umsetzbar ohne die Sprache zu sprechen.

 

 

Wie haben Sie damals das „Ankommen" in Deutschland erlebt?

 

Ich habe mich in den ersten Tagen & Wochen verständlicherweise fremd gefühlt. Bis ich eines Tages zufällig auf einem Fußballplatz gelandet bin. Na ja, ganz zufällig war es auch nicht, eigentlich hatte ich ab dem ersten Tag Ausschau nach einer Möglichkeit wieder zu spielen gehalten. ;o)

Habe mich dann mit einer Gruppe Straßenfußballer zusammen getan, die noch einen Mitspieler brauchten. Ich verstand zwar kein Wort, begriff aber, dass ich in das Spiel einsteigen sollte, das hat - trotz Sprachbarriere - wunderbar geklappt. Fußball ist und bleibt einfach ein unglaublich gut funktionierendes Integrationsinstrument.

 

 

Gilt diese positive Erfahrung auf dem Fußballplatz denn auch für das Alltagsleben?

 

Ich habe anfangs schon mit der Sprache gekämpft. Nach einem halben Jahr konnte ich mich ganz gut verständigen, aber mir fehlten vor allem die ganzen technischen Fachbegriffe des Ingenieurwesens. Und bei der Behörde, wo ich um die Arbeitserlaubnis bat, war man sich über meine Sprachkenntnisse nicht einig. Ein Mitarbeiter unterhielt sich mit mir und kam zu dem Schluss, dass meine Sprachkenntnisse nicht ausreichend sind, um einen Job nachgehen zu können. Zehn Minuten später sprach ich mit einer anderen Person, die mir den Antrag auf weitere Sprachkurse verweigerte und meinte: „Sie sprechen doch gut Deutsch, sie könne sofort anfangen zu arbeiten." Nach drei harten Jahren war es mir dann doch möglich, meinen Beruf als Ingenieur auch in Deutschland auszuüben.

 

 

Wie kamen Sie dann zu Altona 93?

 

In Kasachstan spielte ich in der Regionalliga. In meinen ersten Jahren in Deutschland bin ich oft umgezogen und habe dadurch in diversen Vereinen gespielt. Als ich 2004 nach Bahrenfeld zog, war der FC Altona 93 praktisch um die Ecke. Seit 2005 stürme ich für die AFC 93 - Seniorenmannschaft. Ein Mitspieler meines Teams war Jugendleiter bei Altona 93 und schlug mir vor, meine Erfahrung an Jugendliche weiterzugeben. Die Idee fand ich gut, weil ich somit auch meinen Sohn trainieren konnte. So bin ich Trainer und Altona 93 wie ein zweites Zuhause geworden. Hier wurde ich auch vom ersten Tag an willkommen geheißen.

 

Sie sind seit 2012 Integrationsbeauftragter bei Altona 93. Was sind dort ihre Aufgaben?

 

Unser Verein war seit 2014 Integrationsstützpunkt des Hamburger Sportbundes und engagiert sich in Projekten, die Einheimische und Migranten zusammenführen.

Bei Altona 93 bin ich als Integrationsbeauftragter für Grundsatzfragen der Integration und der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zuständig. Meine Aufgabe ist die Beratung der Jugendleitung bei der Konzipierung und Umsetzung der Vereinsintegration, sowie die Koordinierung und Pflege des Dialogs mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Darüber hinaus unterstütze ich Aktionen und Projekte zur Förderung der interkulturellen Kompetenz im Verein.

Über 40 Prozent unserer Spieler haben einen Migrationshintergrund. Für ihre Belange sowie für deren erfolgreiche Integration setze ich mich ein. Wenn es nötig ist, greife ich bei Konflikten im Verein ein, berate und versuche zwischen den Parteien zu vermitteln. Manche unserer Neumitglieder mit Migrationshintergrund trauen sich anfangs nicht, sich im Verein einzubringen, weil sie noch nicht so gut Deutsch sprechen. Besonders diese Kids sind auf unsere Unterstützung angewiesen. So bin ich in Fragen Migration und Integration ein Ansprechpartner für alle Ressorts.

 

 

Welche Probleme tauchen denn in einem Verein wie Altona 93 auf?

 

Kulturelle Unterschiede gibt es, aber es ist kein richtiges Problem. Eigentlich geht es meist um Kleinigkeiten wie Pünktlichkeit. Wenn man das so sagen möchte, ist das eine deutsche Tugend, aber manche Spieler verstehen nicht, wie man darum so ein riesen Aufhebens machen kann, wenn sie fünf Minuten zu spät kommen. Wobei die jüngeren Spieler in diesem Fall auch schon wieder anders ticken, die sind weniger rigoros. Insgesamt vereint uns die Begeisterung für den Fußball. Natürlich muss sich jeder ein bisschen anpassen, aber insgesamt profitiert der ganze Verein von der bunten Struktur und der Unterschiedlichkeit seiner Spieler.

 

 

Sie sind auch verantwortlich für den Austausch mit Russland. Was ist für dieses Jahr des Jubiläums der Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Sankt Petersburg geplant?

 

Die internationale Zusammenarbeit mit internationalen Sportvereinen dient zur Entwicklung und Förderung der interkulturellen Kompetenz und Völkerverständigung unserer Mitglieder.

Der internationale Austausch basiert auf dem Gegenseitigkeitsprinzip: ein Jahr begleiten wir unsere Jugendmannschaften ins Ausland, und das Jahr darauf agieren wir als Gastgeber in Hamburg.

Im August 2017 findet in Sankt Petersburg ein Jugendevent "Die ___ Stadt" statt.

Gemeinsam mit unserem Kooperationspartner APROTO e.V. bilden wir ein Team, das zusammen mit unserem russischen Partnerverein - Lokomotiv Sankt Petersburg - für sportliche Aktivitäten beim Jugendevent verantwortlich sein wird.

Mit Lokomotiv haben wir schon einige Male Austausche organisiert. Zuletzt waren sie 2015 im Rahmen des Jugendevents „Energize Your City" der Stadt Hamburg und der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch bei uns. Im Rahmen dieses Projektes hatten wir ein großes internationales Fußballturnier veranstaltet, bei dem Vereinsmitglieder unter anderem ihre Herkunftsländer musikalisch und kulinarisch präsentiert haben.

 

Der Austausch mit russischen Mannschaften hat in ihrem Verein schon Tradition,

wie kam das?

 

Angefangen hat alles mit Kaliningrad. Das war 2007 die Idee der Senatskanzlei Hamburg, weil sie eine Kooperation zwischen Partnerstädten Hamburgs aufbauen wollten. 2010 kam die erste russische U16-Jugendmannschaft zu uns, im Jahr danach kamen wir dann mit unserer U17-Mannschaft zum Gegenbesuch, und ich muss sagen, die Jungs waren begeistert.

Bei der zweiten Reise hatte ich eine U12-Mannschaft dabei, wo die Jungs in Gastfamilien untergebrachten wurden. Da hatte ich zunächst ziemliche Bedenken, allein aufgrund der Verständigung. Die Kommunikation lief dann eben in manchen Fällen über den Google Übersetzer. Die Jungs wurden liebevoll umsorgt und hatten anscheinend eine Menge Spaß.

Wegen solcher Erfahrungen machen wir den Austausch, das bekämpft einfach Vorurteile, knüpft Freundschaften und hilft ein eigenes Gespür für das Land und die Leute zu bekommen.

 

Wie kam die Verbindung nach Sankt Petersburg zustande?

 

Nach Kaliningrad wollten wir noch einmal in eine größere Stadt Russlands und Sankt Petersburg als Partnerstadt Hamburgs bot sich natürlich an. Ich war schon als Schulkind dort, damals noch Leningrad, und ich finde, dass die beiden Städte sich irgendwie ähnlich sind.

Bewundernswert ist auch, dass es diese Partnerschaft trotz der „kalten Kriege“ so lange gibt.

 

 

Gibt es Schwierigkeiten im Austausch mit der russischen Seite?

 

In Deutschland plant man ja gerne ein Jahr im Voraus und bucht schon alles verbindlich vorab. Ich rufe dann in Russland an und sage: „Wir kommen in acht Monaten und wir benötigen noch Unterlagen von Euch“. Unser Partner am anderen Ende der Leitung freut sich, ist aber gleichzeitig mit dem Zeitplan hörbar überfordert: „Wladimir, du bist viel zu früh dran. Ruf in sechs Monaten nochmal an!“ Damit kann ich natürlich nicht planen, aber das sind eher kleinere Stolpersteine. Die politische Situation hingegen wirkt sich schon aus. Nach der Krimkrise wurden die vereinfachten Einreisebestimmungen für Jugendaustausche von deutscher Seite aufgekündigt. Nach einiger Zeit haben die Russen dann auch nachgezogen. Jetzt ist alles viel komplizierter geworden und ich frage mich schon, wem das etwas gebracht hat?

 

 

Wie würden Sie ihren persönlichen Antrieb beschreiben?

 

Meine Motivation speist sich aus meiner eigenen Lebensgeschichte. Ich sehe eine ganz große Möglichkeit, den Kindern ein eigenes Bild über das jeweilige Land zu vermitteln, unabhängig von Vorurteilen oder dem Bild in den Medien. Wir sollten unser Miteinander mit dem aufbauen, was uns verbindet, nicht unterscheidet. Und das gilt nicht nur für Russland, sondern für alle Länder, die wir bereisen. Die Kinder sollen frühestmöglich ihren eigenen Kopf einschalten und nachdenken.

Wenn ich zufällig noch unsere ex-Spieler treffe, höre ich oft: „Mensch, das war damals eine tolle Reise nach Russland, was?“ Und das freut mich sehr.

 

 

 

Hamburg, 20.04.2017 

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Wladimir Bondarenko (Foto: Laura Wesseler)

 

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Jugendmanschaft von Altona 93 auf Besuch in St. Petersburg (Foto: Altona 93)